Samuel Meffire
Shownotes
In dieser Episode von Aktivkohle spricht Annabelle mit Samuel Meffire, dessen turbulente Lebensreise mit Stationen als Vorzeigepolizist, Posterboy für sächsische Weltoffenheit, Bankräuber und Häftling Fernsehserien und Dokumentarfilme inspiriert hat.
Samuel geht tief. Die Lebenserfahrungen die er hier teilt berühren, reißen mit und tun weh. In einer seltenen Offenheit und und seiner sehr nahbaren Art lässt er uns teilhaben an sehr persönlichen Erfahrungen, an tiefer Introspektion und seinem ereignisreichen Lebensweg. Er berichtet von teils brutaler Gewalt, großen Erwartungen und noch größeren Enttäuschungen, von dunkelsten Stunden, aber auch von Liebe, Glück und tiefer Freundschaft.
Dabei teilt Samuel seine innere Kraft, Resilienz und vor allem Hoffnung.
Die beruhigende Tiefe und Wärme seiner sonoren Stimme machen diesen Podcast perfekt für einen gemütlichen, aber spannenden Abend auf dem Sofa mit einer Tasse Tee.
Zur Warnung:
Einige der Erlebnisse, die Samuel hier schildert, sowie Worte die er an einigen Stellen benutzt, können für manche Hörer, bzw. Zuschauer verstörend und oder beleidigend wirken.
Transkript anzeigen
00:00:02: Diese Episode behandelt unter anderem potenziell verstörende Themen.
00:00:06: Zur inhaltlichen Auseinandersetzung wird stellenweise explizite und diskriminierende Sprache verwendet.
00:00:33: Herzlich willkommen bei Aktivkohle!
00:00:45: Wie schön, dass ihr alle da seid!
00:00:46: Ich bin Anna Bellmandeng, ich bin Deutsche mit kamerunischen Wurzeln, Schauspielerin, Moderatorin, Synchronschauspielerin und Künstlerin und ich unterhalte mich jedes Mal
00:00:55: hier bei Aktivkohle
00:00:56: mit einem Gast, der oder die ebenfalls internationale Wurzeln hat und Deutsche.
00:01:02: sind.
00:01:03: Und das mache ich deshalb, weil ich die Vielfalt in Deutschland feiere.
00:01:09: Will ich einfach sichtbar machen, denn Deutschland ist multikulturell und das ist gut so.
00:01:13: Ja, muss dann einfach mal so sagen, denn wir alle liefern ja einen Wert für die gesamte deutsche Bevölkerung, ob ich das bin als Halbkamerunerin oder eben meine Gäste.
00:01:23: Und ich habe den Titel Aktivkode gewählt, weil das in Erinnerung der Substanz, die man ja aus der Apotheke kennt, stattfindet, die ja gegen Verdauungsbeschwerden hilft.
00:01:34: Insofern möchte ich darauf hinweisen, dass wir mit Aktivkohle etwas liefern als ein Rezept gegen Verdauungsbeschwerden rund um das Thema Diversität.
00:01:42: Das ist das, was wir hier machen.
00:01:44: Deshalb der Titel Aktivkohle.
00:01:53: Und heute freue ich mich auf einen Gast, der ebenfalls kamerunische Wurzeln hat.
00:01:57: Er ist Deutscher mit einer so bewegenden Biografie, dass die bereits zweitausend als Dokumentation mit dem Titel Dreck.
00:02:04: Fresser verfilmt wurde.
00:02:06: Zwanzig Jahre später wurde daraus die Disney-Serie Sam, ein Sachse, preisgekrönt.
00:02:12: Er ist Ex-Werbe-Ikone, Ex-Gefängnisinsasse, Ex-Vorzeigepolizist, Ex-Gangster und er hat seinem Leben schließlich eine komplett neue Kehrtwendung verpasst.
00:02:24: Heute lebte er als Autor mit seiner Familie und seinen Töchtern in Bonn.
00:02:28: und kümmert sich um Jugendliche, die gewaltauffällig sind und berät als Coach bei Gefahrenlagen.
00:02:35: Außerdem hat er mit seiner Biografie ich, ein Sachse, einen Spiegel-Bestseller gelandet.
00:02:41: Ich bin unheimlich froh, dass er mich heute hier bei Aktivkohle besucht.
00:02:45: Samuel Mephire ist in der Haus!
00:02:58: Ich finde das so toll, dass du da bist.
00:03:00: Danke viel.
00:03:01: Ganz lieben Dank, wirklich.
00:03:02: Du bist ja aus Bonn angereist.
00:03:03: Wie war denn deine Reise?
00:03:05: Bahntypisch.
00:03:06: Bahntypisch?
00:03:08: Bist du aber angekommen?
00:03:09: Ja, sehr voll.
00:03:10: Sehr voll, sehr viele Verspätungen.
00:03:13: Der Klassiker.
00:03:13: Okay, okay.
00:03:15: Du übernachtest ja bei Malik Bauer.
00:03:17: Der hat dich verkörpert in Samm-Einsachse.
00:03:20: Wie wurde denn aus eurer Begegnung diese Freundschaft?
00:03:25: Malik gewährt mir als Syl, ich glaube aus einem relativ schwergewichtig schlechten Gewissen heraus.
00:03:32: Weil er hat faktisch mein Leben gesnetscht und ich bin einfach doch ziemlich wütend, weil er ist die jüngere, hübschere, eloquentere, viel, viel, viel erfolgreicher Variante von mir und deswegen... Ja, also das ist das, was ich ihm
00:03:54: auflürfen muss,
00:03:57: dass ich hier mit meinen Klageliedern halt in den Schlaf singe.
00:04:02: Das
00:04:02: ist so.
00:04:02: Das ist er erst auch heute hier, muss ich mal ganz kurz sagen, für diejenigen, die nur zuhören.
00:04:06: Also, die Freundschaft geht tief und hält.
00:04:09: Das freut mich total.
00:04:11: Tyron Ricketts von Pantatamen hat das ja in Kooperation mit der Ufer dann produziert, also Sam Ein Sachse.
00:04:18: Und... Eure erste Begegnung hatte aber gar nichts mit der Serie zu tun.
00:04:22: Es hatte nichts damit zu tun, dass ihr das nun umgesetzt habt.
00:04:25: Wie war denn das damals?
00:04:28: Ich habe Tyron Kenland dürfen als afro-deutschen Künstler, der gemeinsam mit anderen afro-deutschen Künstlern diese Initiative Radars Keepers gegründet hat nach dieser widerwertigen, eklavten Mordung.
00:04:46: Damals ... Das war so die Reaktion, ja, ganz bekannt mit Seevenalduo, letzterm Ahnung und so weiter und so weiter.
00:04:54: Und in diesem Umfeld sind wir faktisch übereinander gestolpert, weil er als Künstler unterwegs war und einige Jungs und ich als Sicherheitssupport, damit das überhaupt an den diversen schwierigen Orten stattfinden kann.
00:05:12: Genau, weil die haben ja dann Schulen bespielt und Auftritte gemacht.
00:05:16: Und ihr wart quasi als Sicherheitsbeauftragte dort?
00:05:20: Genau.
00:05:20: Als Bodyguards
00:05:21: mehr oder weniger?
00:05:22: Oder als Türsteher?
00:05:23: Ja,
00:05:23: wir wollen es nicht zu hochhängen.
00:05:26: Wir waren quasi Kugelfang auf verlorenem Posten, weil stellenweise waren absurd zahlreiche Abordnungen von Hassbotschaftern da versammelt und die hätten uns platt gemacht oder so.
00:05:40: Aber da muss man eben auch sagen, da hat der Genosse Staat Verantwortung übernommen und polizeisportfeste veranstaltet.
00:05:49: Sonst, wie gesagt, wären wir sehr, sehr, sehr schlimm am Arsch gewesen.
00:05:56: Und was hast du dann gedacht, als Teil und dann wiedergekommen ist und gesagt hat, er möchte dein Leben verfilmen?
00:06:02: Ganz offen gesagt habe ich innerlich gedacht, Armer-Error.
00:06:10: Was möchtest du bitte verfilmen?
00:06:12: Man hätte beispielsweise das das Leben meiner Pflegemutter verfilmen können, die dreißig Jahre als Gemeindeschwester Scherpende gepflegt haben.
00:06:18: Da hätte ich Substanz gesehen.
00:06:20: Aber in meinem Leben habe ich noch gesehen, einer der Auszug, um ganz tief abzustürzen.
00:06:26: Aber Tyron hat für sich so eine Vision gehabt, so ein Bild, irgendwas in der Verdauung.
00:06:32: Und ich kann ihm nur dankbar sein, weil wäre eher nicht dran geblieben, gäbe es die Serie nicht, die, glaube ich, großartig ist.
00:06:42: und auch gleichermaßen ein wichtiges Popcornkino ist.
00:06:44: Es gibt die Freundschaft zu Maliknig, weil darüber haben wir uns kennengelernt.
00:06:48: Also ich kann ihn nicht leiden, aber er
00:06:50: ist toll.
00:06:51: Aber er ist doch toll irgendwie.
00:06:53: Ja, er ist toll.
00:06:55: Das ist ja das Schlimme, das quält mich so.
00:06:58: Aber es ist ja auch so, dass die über dich geschrieben wird letztendlich, dass du ein Leben hattest mit Höhen und Tiefen.
00:07:07: Und einer Wiederbelebung letztendlich.
00:07:08: Du hast das geschafft.
00:07:11: Du hast wirklich eine hellen Reise eigentlich hinter dir.
00:07:13: Es gibt Leute, die sich auch danach orientieren und sagen, so geht es halt auch.
00:07:18: Und als dann diese Serie rauskommt und das ja auch beschrieben haben.
00:07:22: Du bist ein kontroverser Charakter.
00:07:23: Manik hat das wunderbar gespielt.
00:07:25: Er hat dementsprechend auch viele Preise dafür gekriegt.
00:07:27: Unter anderem eine Krimmelpreis.
00:07:30: Aber du bleibst ... Ein Figur finde ich, die sehr greifbar auch ist, wo man das Gefühl hat, naja, okay, so was kann halt eben passieren.
00:07:37: Als die Serie dann rauskam, was hat die denn dann mit deinem Leben gemacht?
00:07:40: Das war im Jahr zwanzig, weil du bist ja noch mal ganz anderes ins Rampenlicht gerückt als durch die Dokumentation damals oder auch durch die Werbung, die du da gemacht hast
00:07:49: damals.
00:07:53: Ja, schwierige Kiste, weil Roll-Model, das hatte ich mir ja so ganz, ganz oben auf den Zettel geschrieben.
00:08:01: Also als zweithöchstes vor, nie wieder Vater werden.
00:08:04: So ein Wohnmodel.
00:08:05: Hat gut geklappt,
00:08:06: ne?
00:08:06: Mit drei Kindern.
00:08:06: Ja, ja.
00:08:08: Hat wirklich fantastisch geklappt.
00:08:11: Wollte ich nie wieder werden, nie wieder diese Verantwortung übernehmen.
00:08:16: Damals zur Hauptverhandlung, aus dem Jahr neunzigzehnt, kam ja wirklich abordnungsweise.
00:08:25: die diversen Vertreter von Menschenhass.
00:08:29: haben gezeigt und gesagt, ja guckt mal, den Affen, den habt ihr zum Vorzeige hobo gemacht und jetzt hat er euch in die Hand gebissen, das passiert halt, wenn ihr halt Leute wie denen so hoch hebt und das Fatale war, sie hatten recht, sie hatten natürlich nicht recht mit ihrem Menschen aus, aber sie hatten recht, dass ich die falsche Besetzung für die richtige Rolle war.
00:08:59: Und deswegen dieser zweite Anlauf, also Gott sei Dank eben auch in der Freundschaft und dem Support durch Malik und Tyron, war eben auch eine ganz wichtige Nagelprobe für mich.
00:09:16: Wie weit bin ich innen?
00:09:19: Kann ich das jetzt oder überhebe ich mich wieder?
00:09:22: Und das war ein sehr, sehr schmaler Grad mit ganz, ganz vielen Zweifeln.
00:09:25: Genau.
00:09:27: Okay.
00:09:28: Hier treten wir einen Schritt zurück.
00:09:29: Du bist in zwei Kau geboren.
00:09:33: Man wurde dir denn bewusst, dass deine Herkunft, also die ich auch habe, halbkommerunisch zu sein, dass es eine ganz besondere Rolle in deinem Leben spielen wird.
00:09:39: Immer.
00:09:42: Ich morgens, wenn ich zum Haar bekomme in den Spielen geschaut habe, glaube ich, also
00:09:49: ja,
00:09:50: es war offensichtlicherweise, dass, umgeben von lauter Gleichgesichtern, ich anders bin.
00:09:57: Aber dieses Anderssein hat mich hat mich erst mal in, also ich weiß nicht, zumindest nicht in nennenswerter Weise gequält.
00:10:07: Also das schwierige Zusammenleben mit meiner vollständig traumatisierten, sehr jung, also kaum dreißigjährigen Mutter, das hat mich gequält.
00:10:16: Aber dieses Anderssein nicht.
00:10:20: Das wurde erst später zur großen zentralen
00:10:27: Baustelle.
00:10:29: Dass deine Mutter so gequält war, lag ja auch daran, dass dein Vater am Tag deiner Geburt verstorben
00:10:34: ist.
00:10:35: Was hat das denn mit dir gemacht, dass dieses Puzzleteil innerhalb deiner Familie gefehlt hat?
00:10:40: Also was hat das mit dir und auch deiner Identität
00:10:42: gemacht damals?
00:10:44: Ja, mein Vater war halt und ist bis heute Lehrstelle.
00:10:51: Und ich glaube mit so einer Vater Lehrstelle sind ja heute Hypemeer, Patchwork und so.
00:11:00: Ja, wir können auch alleinerziehen gut und wir wollen das nicht zu hochhängen mit dem Vater.
00:11:08: Ich glaube, der Vater ist neben der Mutter eine ganz, ganz wichtige Figur im Leben von so einem kleinen Menschenhafen.
00:11:17: Und ich glaube, bei mir war das eben so, dass durch die Vater-Lehrstelle bin ich auf die ewige Vater-Suche gegangen und habe halt Leute hochgehangen, die glaube ich, diese Hauptrollen gar nicht wollten wie meinen Kompanie-Chef, meine Trainer, meine Lehrer und habe immer wieder gesucht, wo ist der Vater in dir?
00:11:37: Und das hat gute Momente gemacht, das hat aber auch schwierige Momente von Überforderungen und von falscher Anhaftung gemacht.
00:11:47: Das ist schon das, was ich ganz maßgeblich am Vater verbinde.
00:11:51: und natürlich auch die Vatererzählung die ich hoch und vielleicht auch in Teilen idealisiert, überhoch gehangen habe, von freundlich, gläubig, familienbezogen, also all das, was ich aus den Vatererzählungen meiner Großmutter und meiner Mutter herausziehen konnte, habe ich natürlich für mich ganz, ganz hoch genagelt an das Vaterdenkmal.
00:12:13: Und das ist auch schwierig.
00:12:16: Aber für mich war es halt das Einzige, was ich
00:12:17: hatte.
00:12:19: Genau.
00:12:20: Und du hast dann dein Vater unter immer noch ungeklärten Umständen verstorben.
00:12:24: Du hast in fünfzig Jahre später so versucht, das auch zu klären.
00:12:27: Du hast aber auch bis auf Widerstände gestoßen, die nach Vertuschung gerochen haben.
00:12:33: Wie war das damals?
00:12:34: Was hast du da erlebt?
00:12:35: Also, jetzt noch nicht so lange her, vor jetzt vier Jahren.
00:12:40: Vier, fünf Jahren hast du dich damit beschäftigt?
00:12:42: Wie war das?
00:12:44: Also, ich habe mich mehr fragt damit beschäftigt.
00:12:46: Schon in den Neunzigern habe ich so einen ersten Anlauf gemacht.
00:12:51: Anzeige gegen unbekannter Schatte in der Hoffnung, dass man dann halt, weil es ein Kapitalverbrechende ist, halt mit entsprechendem Aufwand versucht, dann nochmal in der Rückverfolgung heraus zu ermitteln, wäre es da möglicherweise beteiligt gewesen, welche Tatbeiträge hat es gegeben, und so weiter, und so weiter.
00:13:14: Und das ist, das war sehr, sehr schräg, ich glaube, das sprengt jetzt wirklich total, total in Rahmen bis Verlief.
00:13:22: sehr, sehr schräg, weil alles, was ich dabei brachte mit Originaldokumenten, handschriftlichen Briefen, Fotos und so und verschwand einfach.
00:13:33: Und das war schon, also für eine faktische Mordermittelung war das schon sehr, sehr kurios, weil normalerweise diese Sachbeweismittel werden wie Heiligtümer behandelt und da kommt nichts einfach irgendwie weg.
00:13:49: Und in dem zweiten Anlauf, also ich habe mehrfach versucht bei der BSTU, also der Unterlagenbehörde, die die Nachlassverwalterin für die Stasiunterlagen ist, ich habe mehrfach versucht, Akteneinsicht zu erlangen.
00:14:05: Man hat die Akte meines Fahrtes nicht finden können, das kann daran liegen, dass sie verbrannt worden ist, dass die geschretteten Schnipsel, die noch in irgendwelchen Säcken lagern, da gibt es ja noch Tausende von Säcken, die auch nicht zusammengesetzt wurden, dass vielleicht da noch die Akte drinsteckt.
00:14:23: Aber es kann vielleicht auch daran liegen, dass diese Akte einfach ein hochtoxischer Giftmüll ist.
00:14:34: Nach wie vor.
00:14:35: Womit das zusammenbängt, da kann ich doch Mut machen.
00:14:37: Und ich muss ganz ehrlich sagen, da ... Da kann ich auch nicht zu viel von dem, was ich da an Energie freisetzen kann, dahinein schießen.
00:14:47: Aber es ist auch kurios, dass auch die Akte meiner verstorbenen Mutter mir nicht zugegnigt gemacht wird.
00:14:53: Obwohl ich der
00:14:54: Einzige... Okay, bis zum Jahr ist
00:14:57: gestorben.
00:14:57: Die ist aus der Akte meiner Mutter, könnte man halt, glaube ich, sehr, sehr viele Indizien zumindest herausnehmen.
00:15:04: Und da sagt man, nein, da hat der Verstorbenen ein Interesse, also die Verstorbenen ein Interesse, dass die Persönlichkeitsrechte gewahrt werden.
00:15:12: Da frage ich mich mal, welche Persönlichkeitsrechte also, die ich nicht an ihre Stadt als Sohn vertreten kann und auch sollte.
00:15:21: Auch gerade in dieser wichtigen Frage, wie war es denn jetzt?
00:15:24: War das eine Erkrankung?
00:15:25: War das ein Unfall?
00:15:27: Oder war das wie von meinem Vater und meiner Mutter behauptet?
00:15:31: eine Ermordung durch Gift beibringen.
00:15:35: Also, da gäbe es einiges dazu zu sagen, aber...
00:15:38: Es bleibt unaufgekehrt.
00:15:39: Es bleibt unaufgekehrt und ich bin jemand, der versucht, sehr, sehr stark mit einem Jetzt-Bezug zu leben und zu handeln.
00:15:47: Und deswegen ist das auch nichts, worum ich jetzt kreise wie sonst was.
00:15:53: Wie war das dann damals für deine Mutter in der DDR, euch beide?
00:15:57: Dein Bruder Moïs, der auch im Jahr ist, ist verstorben.
00:16:00: Also dein Bruder Moïs und dich alleine groß zu
00:16:03: ziehen.
00:16:04: Kann ich nur mutmaßen.
00:16:06: Also ich mutmaße mal sehr, sehr stark.
00:16:08: das Umgeben von lauter Bleichgesichtern, das für sie eine nicht ganz einfache Kiste gewesen ist und das wenige, was ich noch aus der kindlichen Erinnerung heraus heraufholen kann.
00:16:23: Es ist ja vieles sehr, sehr gründlich zubetoniert, weil frühkindlicher Prägephase, sage ich mal technisch, ist bei mir auch ganz viel Traumatisches.
00:16:33: Und deswegen sind da nur einzelne Patzerstückungen, die ich hochholen kann, dies sind schwierig.
00:16:39: Und das, was sie erzählt hat, ist gelinde gesagt sehr, sehr hässlich.
00:16:48: Weil umgeben von einer von einem Land, an das sie glaubte, eine Utopie, an die sie glaubte, einer Partei, der sie ein Leben lang gedient hat, um die sehr manipulativ aufgetreten ist, sehr auch in einer schwierigen Art und Weise.
00:17:11: Also nicht so wie jemand, der es supportet.
00:17:15: Ich glaube, da hat sie als eine junge Frau mit zwei aufforderlichen Kindern sehr, sehr viel Scheiß erfressen müssen.
00:17:23: Das glaube ich schon.
00:17:26: Und was erinnert du dich genau an deiner Kindheit in der DDR?
00:17:30: Was für eine Rolle hat da Gewalt zum Beispiel gespielt, aber was für eine Rolle hat auch Geborgenheit gespielt?
00:17:34: Wie waren
00:17:34: das bei euch?
00:17:36: DDR war, also ich werde ja häufigerweise in Interviews gefragt und ja, wie war das denn in diesem Freiluftgefängnis DDR?
00:17:44: Diese Diktatur und ihr konntest überhaupt atmen.
00:17:48: Du musst doch fast erstickt sein.
00:17:50: Bullshit.
00:17:50: Also für mich war...
00:17:51: Das kleines Kind, wenn man das auch anders war.
00:17:53: Für mich war DDR vor allen Dingen Heimatort.
00:17:56: DDR war zu Hause.
00:18:01: Wenn ich an DDR denke, denke ich an den Geschmack von Schrottbrötchen, die es heute nicht mehr gibt.
00:18:07: Leider, leider.
00:18:10: oder DDR-Margarine, Nodossi, die man, also diese beste Schokoladen-Creme, Haselnuss-Creme der Welt, also viel, viel besser als Nutella, die man so selten bekam, zu kaufen bekam, war auch eine Mangelware.
00:18:30: Also das verbinde ich mit DDR.
00:18:32: Und natürlich hatte und meine Zeit im Leistungssport die mich sehr, sehr stark geprägt hat und natürlich, komm mal hier zu mir,
00:18:44: komm mal hier.
00:18:45: Das ist ja, übrigens, der läuft gerade um unser Team und ins Bild, Keiko,
00:18:48: oder?
00:18:50: Ja, genau.
00:18:50: Wie ist das da,
00:18:51: das ist da.
00:18:51: Es ist ja, die braucht immer ein bisschen zu Neigung.
00:18:55: Ja, also mir ist völlig klar, dass das für mich als ein, der in der DDR durch eben die Zeit im Leistungssport die privilegierte Seite abbekam.
00:19:09: Heute würde man sagen, in der Bubble gelegt hat, auch ein Stück weit.
00:19:15: an die Utopie-Sozialismus geglaubt hat, aus ganzem Herzen, natürlich ganz, ganz stark geprägt, dadurch, dass ich mit dieser überzeugten Kommunistin in einem Haus lebte, die ihrerseits auch an die Utopie geglaubt hat.
00:19:27: Und mal unter uns gesprochen, das kann mir ja ganz offen reden, heute wo niemand zuhört.
00:19:33: Ich glaube nach wie vor, dass die Utopie-Sozialismus, also die Utopie der sozial angenährten nach wie vor etwas ist, worüber wir nachdenken sollten.
00:19:42: Und ich glaube schon, dass es da ganz ganz andere Lebenswelten gab, weil die, die sich eben gegen die Diktatur der Arbeiter und Bauern stellten, auf welche Weise auch immer, ob in der Umweltbewegung, ob in der evangelischen Kirche und und und in freien kreativen Gruppen, dass die bekamen den Eis in den Besen.
00:20:07: Die bekamen Arschtritte, die Wehtaten.
00:20:11: Und da will ich in keiner Weise als einer verstanden werden, der verharmlos.
00:20:16: Es gab diese anderen Seiten.
00:20:18: Ich kann ja nur über die Welt sprechen, die ich erlebte.
00:20:20: Und für mich war DDR vor allen Dingen Heimatort
00:20:23: und Zuhause.
00:20:25: Und das heißt aber, auch wenn du offen darüber sprichst, Alltagsrassismus war jetzt für dich nicht so ein Thema, oder ist es dir nicht so begegnet, auch als Sportler?
00:20:34: Weil du schon auch, dass dich dazu äusserst.
00:20:37: Ähm, Alltagsrassismus, also es gab in meiner Rückerinnerung, es gab das Fremdhassende.
00:20:48: Das Fremdhassende.
00:20:49: Generell
00:20:49: Fremdhassende.
00:20:50: Das generell Fremdhassende.
00:20:52: Beziehungsweise auch, dass der Hass, der aus den drei, vier, fünf Prozent zur Parten heraus... Und darauf sprudelt dies halt, glaube ich, in jeder Gesellschaftsform und in jeder sozialen Gemeinschaft immer schon gegeben hat und auch heute immer noch gibt.
00:21:14: Und meine liebe Klassenkameratin Katrin mit riesigen Vorsprung, Klassenbeste, Einzerdurchschnitt, ich glaube, die hatte eine einzige Drei in, oder ne Vier in Sport, weil sie halt vorsichtig ausgedrückt, sehr, sehr wohl beleibt war.
00:21:33: Die Worte halt gedisst für, du bist fett, du stängst, du schwitzt.
00:21:38: Also wenn die die Schultreppe hochging, fing die schon an zu schwitzen.
00:21:41: Die
00:21:41: grausamen Kinder.
00:21:43: Genau.
00:21:44: Und meine klassen Kameraden Karin, die also heute Polizistin ist, die so grün und blau... prügelt in die Schule kam also an offensichtlich einen schwer schwerster Fall von Misshandlung und die dann eben auch Pibi und Kaka nicht halten konnte.
00:22:02: und die wurde halt dann dafür gedisst.
00:22:03: und ich wurde halt dann dafür gedisst, dass ich sogar wie ich war und das häng ich für mich ehrlich gesagt nicht nicht zu hoch.
00:22:10: also Kinder sind Wundervoll mit ihren offenen, weiten Perspektiven, anderen Perspektiven.
00:22:16: Und Kinder sind einfach auch unendlich grausame Scheiße.
00:22:20: Und das ist halt etwas, was passiert.
00:22:22: Und da muss ich nicht irgendein großes Leben dran kleben.
00:22:27: Das ist für mich eben dieses Soziopathentum.
00:22:30: was eben auch bei kleinen Menschen in extrem heftigen Form auftreten kann.
00:22:34: Und es ist das Fremdhassen.
00:22:36: Also alles, was uns nicht vertraut ist, macht uns Angst.
00:22:38: Was wir nicht verstehen.
00:22:39: Und
00:22:39: da müssen wir einsteuern mit Ablehnung oder halt möglicherweise auch mit übergroßer Sympathie.
00:22:45: Auch das ist etwas, was schräg ist.
00:22:49: Du siehst ja dich selbst, sagst du.
00:22:51: Ich zitiere mal.
00:22:51: Das finde ich wunderbar.
00:22:53: Mehr wie eine Kartoffel als wie ein Kameruner.
00:22:56: Kann ich gut nachvollziehen?
00:22:58: Ich bin ja auch mehr Gadoffel als Kamerunan.
00:23:01: Aber was genau hat das denn für dich bedeutet?
00:23:03: Also, ich bemerke an der, dass du unfassbar gut recherchierst.
00:23:11: Das ist ja schon Tiefbergbau, den du da betrieben hast.
00:23:15: Immer aus Respekt von meinen Gästen, ja aus Liebe und Respekt zu uns.
00:23:18: Ja, so sollte gut und gut sein.
00:23:21: Danke.
00:23:22: Also wie gesagt Tiefbergbau, weil es ist ein Zitat aus den Neunzigern.
00:23:27: Ich werde es heute in der Selbstbeschreibung auf keinen Fall mehr so machen, aber ja, ich bin durch und durch deutsches Brötchen.
00:23:39: Ich bin ostdeutsches Brötchen.
00:23:43: Also ich bin in meiner Sozialisierung von Kindergrippe, Kindergarten, alle sozialistischen Massenorganisationen name it.
00:23:53: Mit Leistungssport, mit Volkspolizei, ich will ja damals sagen, Polizei des Volkes, Volkspolizei und, und, und.
00:23:59: Also ich bin durch und durch auch ein Produkt der DDR.
00:24:04: Ich bin auch ein Produkt meines Großvaters.
00:24:07: Essen, Großvater, schon in Belgien.
00:24:10: Und jetzt habe ich erfasst, eine Sachbeschädigung an dieser Arbeitsplätze.
00:24:18: Ja, also der dessen Vater wiederum schon an diesem großen Gemetzel mit seiner Einheit in Belgien im Krieg teilgenommen hat.
00:24:27: Mein Großvater am großen Gemetzel in Frankreich und und und.
00:24:32: Ja, ich bin auch ein Produkt von ihm und von dieser fatalen Kontinuität von Gewalt, die dann weitergegeben, nicht in physischer Form, in anderer Form, an meine Mutter, dann schlussendlich bei meinem Bruder und mir angekommen ist.
00:24:50: Ich bin wirklich, und das bemerke ich, einfach die Summe all dieser Einzelteile.
00:24:59: und wäre da mein Vater gewesen, wäre ich wahrscheinlich auch ein kamerunisch geprägtes Brötchen.
00:25:06: Aber weil mein Vater nicht existent war, bin ich halt das, was ich bin.
00:25:10: Und ich bin das mit einer großen glücklichen Anhaftungen, beispielsweise an deutsche Sprache, an deutsche Literatur und auch an deutsche Ordnung, deutsche Pünktlichkeit, bla bla bla.
00:25:25: Wegeberge war es total früh hier.
00:25:28: Früher als ich.
00:25:29: Das heißt, die Fragen nach der Zugehörigkeit, die dich damals beschäftigt haben, beschäftigen sie dich heute noch oder beschäftigen sie dich in einer anderen
00:25:38: Form?
00:25:42: haben mich beschäftigt, beschäftigen mich heute und werden mich auch, glaube ich, bis zu meinem letzten Atemzug beschäftigen.
00:25:48: Es ist ja diese Frage nach, wo ist mein Heimatort?
00:25:52: Was ist mein Heimatort?
00:25:56: Wer bin ich und wofür bin ich das?
00:25:58: Und hat das irgendeinen Wert für andere?
00:26:02: Das sind Dinge, die, ich glaube, so lange ich zurückdecken kann, war das für mich wichtig.
00:26:08: Und das ist heute für mich wichtig.
00:26:11: Ich glaube, deswegen sitze ich heute auch bei dir.
00:26:15: Darf ich bei dir sitzen?
00:26:16: Deswegen war ich letzte Woche bei Dakata und laufe immer noch mit der Idee herum, mein kleines Passelstück für die Weltrettung ist von irgendeiner Art von Bedeutung.
00:26:31: Ja gut, hochphilosophische Fragen, sehr schön.
00:26:35: Wir hatten ja vorhin ein bisschen getextet und ich finde das sehr schön, wie komplex du auch an Mit Fragen
00:26:40: umgehst.
00:26:41: In den letzten Jahren wurde du der erste Schwarze Polizist
00:26:45: in Ostdeutschland.
00:26:46: Was hat dich damals motiviert, diesen Weg zu gehen?
00:26:56: Das, was ich mir nach vielen, vielen, vielen Durchläufentherapie ein hoch auf die Technik erkrankte Kasse.
00:27:06: Sie mögen deinen Sponsor werden, weil sie haben es verdient.
00:27:10: Und muss es auch verdient.
00:27:14: Also die haben mir ganz ganz viele, also eigentlich nicht die Techniker, sondern die Oma Lotte und der Busfahrer Egon, die da einzahlen.
00:27:26: Die haben mir das eigentlich gesponsert im Rahmen der Techniker.
00:27:31: Also das, was ich da herausbekommen durfte, bislang mit Stand heute, ist das.
00:27:43: Meine Mutter war auf ihre Weise in vielerlei Beziehungen eine außergewöhnliche Person.
00:27:54: Sie war also jeder, der die Bilder von ihr gesehen hat, in Buch, beispielsweise aber auch in der großartigen Doku von Disney-Doku, von dem Pollyanna Baumgarten, war Postkartenschön, also geradezu Postkartenschön mit diesem symmetrischen Gesicht.
00:28:16: und ja, also wirklich, ich glaube ohne jede Übertreibung Postkartenschön, sie war hyperintelligent, sie hatte, sie ist schlussendlich geschorben mit zwei Hochschulabschlüssen mit, ich weiß nicht, wie vielen Medaillen und Auszeichnungen und Prämien und bla bla bla.
00:28:34: Und sie war ein hochidealistischer Ich kenne sie nur hinter Aktenbergen, also die sie mit nach Hause schleppte in großen Taschen und dann arbeitete sie bis elf, zwölf Uhr jeden Tag, Tag für Tag, Tag für Tag.
00:28:54: Und sie war eine geradezu zwanghaft agierende, hilflose, überforderte Person, die die Scheiße aus mir und meinem Bruder herausgebrügelt hat.
00:29:13: Also wirklich, sie brauchten nur um die Ecke kommen und ich konnte mein Wasser nicht mehr halten und nur der Gedanke an meine Mutter in der Schule hat gemacht, dass ich mir in die Hosen gekackt habe.
00:29:25: Also so, so war es.
00:29:27: Und in dieser Welt, was so war für mich die Idee von Polizei und das ist natürlich dieses idealisiert kindliche Bild, war die.
00:29:40: Die Idee von Polizei war mir, dass sind die Menschen, die an Orte gehen, wie der, an dem ich leben muss.
00:29:50: Und woher?
00:29:51: Wir wohnten ja einem Zehngeschoss in dem Hochhaus.
00:29:53: Also das, was da vor sich ging, das bekamen Dutzende von erwachsenen Leuten mit und niemand ist eingeschritten.
00:30:01: Niemand hat mal gesagt, also, liebe Genossinnen, so geht das ja nicht.
00:30:06: Das sind ja unsere zukünftigen Hoffnungsträger.
00:30:09: Das geht so nicht.
00:30:10: Das musst du einstellen, sonst gibt es hier Alarm.
00:30:15: Und in meiner Vorstellung war es so, Polizistinnen und Polizisten gehen an die Orte, an die die Anderen sich nicht zu gehen trauen.
00:30:24: Und die machen dort Dinge gut.
00:30:27: Und zu denen wollte ich gehören.
00:30:29: Das waren für mich durch und durch die Guten.
00:30:31: Deswegen habe ich bis heute schwerste Störung in meiner eigenen, nämlich der afro-deutschen Community mit dieser häufigerweise generalisierten Ablehnung von Anführungszeichen-Obrigkeit.
00:30:46: Also Polizei, Grenzschutz, Nachrichtendienst, alles vom Teufel, Instrumente und Vollstreckungsgehefen und habe ich große große Schwierigkeiten, weil nach wie vor lebt er dieser Junge, dieser traumatisierte Junge, der die einzige Hoffnung, die er haben konnte, nach seiner Überzeugung waren die, die dann kommen, und klingeln und sagen, das geht so nicht.
00:31:11: Jetzt sind wir gekommen und jetzt hört das auf.
00:31:13: Und das ist halt etwas, wo, das sind da eigentlich, ich mache jetzt mal einen großen Sprung, obwohl du die Frage ganz gestellt hast.
00:31:21: Nein, ich stelle aber gleich noch eine Frage an, da muss ich mal kurz
00:31:23: kurz sehen, dass die ganze Zeit so an dir festhängt.
00:31:25: Zu meinem Gott, ich hab's heute nicht.
00:31:26: Nein, nein, nein,
00:31:27: mit Sachbeschiebungen, im Grundzeug.
00:31:33: Wo ich zu dieser generalisierten Ablehnung von von Obrigkeit, wenn man so mag, aber insbesondere BOS, also alle, die an der dünnen blauen Linie arbeiten, also mit Polizei, mit Grenzschutz, mit Nachrichtendienst, wo ich immer wieder die Fragestelle freunde, hört doch mal auf, hinten im Bus mitzufahren.
00:31:55: Wie anders hätte möglicherweise, sind wir natürlich im Bereich der Spekulation, hätte möglicherweise NSU verlaufen können, wenn Ihr mich nicht schon in den Neunzigern mit Scheiße beworfen hättet, wo ich gesagt habe, Christian Wurch ist eine große Ikone nationalsozialistischer Wiederbelebungsbestreberung in Deutschland, also ganz, ganz wichtig am Pulsgeber, der damals gesagt hat, lasst uns in die staatlichen Verwendungen gehen.
00:32:22: Geht zur Bundeswehr, geht zur Polizei, geht zum Keinschutz, die machen die besten Ausbildung.
00:32:27: Und wenn der Tag gekommen ist, wo wir die Nigger jagen, schlitzen und schrachten müssen.
00:32:33: Dann nützt uns das.
00:32:35: Dann sitzen wir an den richtigen Informationssystem.
00:32:39: Dann haben wir den richtigen Umgang mit Disziplinen und Waffen erlernt.
00:32:43: Und dann werden wir sie scheuchen und dann werden wir sie endlich dorthin treiben, wo sie gehören.
00:32:48: Also in die Duschen.
00:32:49: Wow!
00:32:50: Und so.
00:32:51: Und damals habe ich immer wieder auf den Bundestreffen, auf den Podiumsdiskussionen gesagt, lasst uns das genauso machen.
00:32:59: Genauso müssen wir sein.
00:33:01: Wir müssen genauso in die besten Verwendung gehen.
00:33:03: Wir müssen genauso den Zugang zu den Informationssystemen haben.
00:33:07: Und was ist passiert?
00:33:11: Und du dienst dich an, Onkel Tom.
00:33:14: So.
00:33:16: Wie anders hätte der NSU-Komplex verlaufen können, wenn an irgendeinem Punkt irgendwo eine schwarze Nachrichtendiensterin gesessen hätte, die gesagt hätte, ja, also diese OK-Tase, Das finde ich ganz spannend, aber lass uns doch mal gucken, ob es hier nicht alternative Interpretationen gibt.
00:33:36: Also Okra ist eine Schiene, aber da gibt es ja noch andere Welten, in die wir mal schauen und blicken müssen.
00:33:42: Das heißt, du
00:33:44: wolltest von innen etwas heraus verändern auch, von innen nach außen und nicht mehr nur abwarten, dass etwas für dich verändert wird.
00:33:52: Was war dein Ansatz?
00:33:55: Wenn wir in die Kommunikationsmodelle schauen, beispielsweise nehmen wir Glase.
00:34:00: Druck gegen Druckmodell.
00:34:01: Also win-win, win-lose, lose-lose.
00:34:05: Wenn ich von außen auf ein System drücke, dann wird das System nach meiner Erfahrung nicht hingehen und sagen, ah, danke, dass du gekommen bist.
00:34:12: Ah, heute ist Dienstag.
00:34:14: Das habe ich heute gebraucht.
00:34:16: Die kritische Selbstreflektion.
00:34:18: Und dann kann ich feststellen, wie viele Fehler ich gemacht habe und ich werde dich sofort auf den entsprechenden Dienstbosten setzen und du wirst jetzt ganz viel Gutes tun.
00:34:26: Nein, wenn ich Druck ausübe, Erzeuge ich Gegendruck und da... Der Gegendruck mindestens genauso groß sein muss wie der Druck, der erzeugt wird, ist ja in aller Regel noch höher als der Druck.
00:34:38: Und so kommen wir in die Eskalationsspirale.
00:34:41: Und deswegen bin ich der Meinung, ja, wir müssen weg von, ich fahre hinten mit im Bus, sondern müssen uns an die schwierigen gesellschaftlichen Bruchlinien stellen und dort mit Scheiße fressen, aber auch mit prägen.
00:34:54: Und ich glaube, so verändern wir.
00:34:56: Also ich glaube, und das ist keineswegs der allein seelich der Weg.
00:35:01: Aber ich glaube an die Veränderung von innen.
00:35:04: Es muss Leute geben, die von Außendruck machen.
00:35:06: Aber ich glaube, es muss auch ganz viele geben, die von innen mitgestalten und prägen.
00:35:10: Das hast du auf jeden Fall gemacht, weil du auch, ihr könnt auch an dieser Stelle
00:35:14: machen.
00:35:22: Um ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ...
00:35:24: ... ... ... ... ... ...
00:35:25: ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... Was hat das bei dir in deinem Leben ausgelöst?
00:35:32: Also das war eine bundesweite Aufmerksamkeit.
00:35:35: Und was hat das mit dir gemacht, persönlich?
00:35:39: Aber was hat das auch mit dem Umgang mit dir gemacht?
00:35:42: Ich erinnere das auch noch.
00:35:43: Ich weiß noch dieses Bild, ich weiß das noch.
00:35:46: wäre es für dich okay, wenn ich jetzt aufstehe und gehe.
00:35:49: Nein.
00:35:50: Verdammt.
00:35:50: Das sind doch nicht fertig.
00:35:53: Ja, dann...
00:35:54: Dann nicht.
00:35:55: Dann
00:35:56: nicht.
00:35:57: Also du wurdest ja quasi als Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit inszeniert, aber trotzdem wurden in dieser Zeitung Flüchtlingsunterkünfte abgebrannt.
00:36:05: Das war ein irrsinniger Widerspruch.
00:36:07: Also was hat diese ganze Kampagne und alles, was da mit so einem herging, bei dir dann ausgelöst?
00:36:13: Also, ähm, an der... an der oberen Schicht einer Frage angesetzt, muss meine Antwort lauten, ich hatte Zweifel.
00:36:21: Ich hatte Zweifel, ob man mit Werbeplakaten gegen bewaffneten Menschenhasse antreten kann.
00:36:31: Das war für mich.
00:36:33: Schlussendlich, und der ist ja Rostock-Lichtenhagen, ist ja nur ein Beispiel für viele, viele Beispiele, die ich erlebt habe auch durch diesen Insight beim beim Startschutz im Landskeminarland.
00:36:49: Da waren ja viele, viele hässliche Dinge mehr.
00:36:52: Und es erschien mir einfach geradezu kurios zu sagen, ja, wir werden mit Appellen werden wir hier Veränderungen erreichen.
00:36:59: Das war naiv.
00:37:05: Die zweite Ebene, um deswegen ich jetzt gerne deine Erlaubnis gehabt hätte zu gehen, ist natürlich, dass du an der Stelle nahezu recht, ich verstehe das.
00:37:15: aber, mir wäre es ganz recht gewesen, dass du natürlich den Finger an meine große Wunderlings, weil die Kampagne damals gemacht von Scholz & Friends im Auftrag der sächsischen Zeitung war eine geniale Kampagne, also da waren ja wurden lauter sächsische Produkte gezeigt.
00:37:36: Kaffeefilter, Erfindung aus Sachsen, Zigarettenfilter, Erfindung aus Sachsen, Meisterpotslan, Erfindung aus Sachsen.
00:37:43: Also es wurde
00:37:46: dieses... Diese Werte auch.
00:37:48: Ja, die Werte und auch das Positiv-Leuchtturmartige im Osten sollte angetriggert werden.
00:37:57: Und das war ein ganz, ganz wichtiger Versuch zur richtigen Zeit.
00:38:01: Weil es war das absolute low, low, low im Osten.
00:38:06: Also die Arbeitslosigkeit, beispielsweise durfte den ehemaligen OB von Leipzig Tiefensee kennenlernen und der war damalige der Leiter des Leipziger Arbeitsamts.
00:38:19: und der erzählte auf einer Konferenz Ostschirtschann, wo ich mit Dauergast sein durfte, erzählte, dass in einigen jahren fünfzig prozent der erwachsenen leibziger bevölkerung faktisch arbeitslos waren.
00:38:36: also die ganz offiziell arbeitslosen dann die in abm dann die in sinnlosen weiterbildung und umschulung fünfzig prozent von vollbeschäftigung ddr zu fünfzig prozent arbeitslosigkeit was das mit der gesellschaft macht.
00:38:52: und die die arbeitslos waren hatten ganz ganz oft eine absolut sichere Nullperspektive.
00:38:59: Die wussten, ich werde nie wieder in meinem Leben Anerkennung für eine Arbeitstätigkeit bekommen.
00:39:06: Und ganz, ganz viele Menschen in der DDR hatten vernünftige Berufsausbildung.
00:39:11: Also das waren nicht irgendwelche Hobos, die dann, naja gut, du kannst nichts, also kriegst du nichts.
00:39:16: Sondern das waren gut ausgebildete Facharbeiter, die an Maschinen arbeiten, die Maschinen bedienen konnten.
00:39:26: die in der Landwirtschaft arbeiten, und es wurde ja alles geschossen, alles musste weg, weil Kollektivismus wollen wir nicht, gemeinschaftlich wollen wir nicht, volkseigene Betriebe wollen wir schon gar nicht, also Produktionsmittel in den Händen derer, die daran arbeiten, wollen wir auf keinen Fall.
00:39:43: Und es ist ein Thema Utopie und das ist Das machte diese Kampagne der sächsischen Zeitung umso wichtiger, nur ich war die katastrophalfalsche Besetzung, weil ich kam ja mit meinem Kindheitsrucksack und Trauma kam ich ja in die frühen Neunziger und ich persönlich konnte wirklich nicht viel anderes als auf einem extrem hohen Niveau Druck aushalten und Körper belasten, also weil ich hatte ja den Hauptteil meiner Kindheit mit.
00:40:20: Sport und Leistungssport verbracht.
00:40:23: Und das habe ich dann in diese Verwendung Volkspolizei gepusht und dann später halt Gesamtötsche.
00:40:30: Und wie gesagt nochmal, also die Kampagne war richtig und wichtig und wurde völlig zurecht als Kampagne des Monats, als Kampagne des Jahres ausgezeichnet.
00:40:46: dann la Republikan und und und also schrieben über diese diese Provinzkampagne in Anführungszeichen.
00:40:53: Aber ich wie gesagt war maximal überfordert.
00:40:56: Das ist einfach Fakt.
00:40:59: Und es ist ja auch.
00:41:00: wenige Jahre nach deinem Aufstieg folgte dann ja auch der Fall.
00:41:05: Ninzehundertsechsundneunzig wurdest du verurteilt wegen Raubüberfällen.
00:41:13: Wie kam es zu dieser extremen Wende in deinem Leben?
00:41:22: Also mein innerer Damm, also war Löschpapier dünn.
00:41:29: Also was Gewalt und Gewalt-Akzeptanz betraf, war also die Linie von Löschpapier dünn bis nicht existent.
00:41:41: Also für mich war Gewalt derartig alltäglich, da war nicht viel einzureißen.
00:41:52: an Filter, an Damm.
00:41:54: Und dann kam ich in diesen Zeiten, über die wir heute nicht mehr gerne sprechen möchten, das ist ja alles Jubeltrube.
00:41:59: Einigkeit kam ich halt als junger Polizist zu absurd grausam Verbrechen und sah halt Opfer, die verletzt, verstümmelt und in einigen Fällen tot oder halbtot waren, dann manipulative, lügende, tatverdächtige und Zeugen, die alles durcheinander geworfen haben und sich gegenseitig widersprochen haben und dies auch nicht einverarmachten.
00:42:30: Und es war wirklich ein Irakmoment im Osten.
00:42:37: Also das Alte war implodiert, die DDR war weg und das Neue war noch nicht da und es hat auch nicht wirklich irgendjemanden gejuckt.
00:42:45: ob man damals vernünftig im Land flächendeckend Sicherheit herstellt.
00:42:50: Man hat die alten Strukturen niedergerissen, ohne für vernünftigen Ersatz zu sorgen.
00:42:55: Und das hat also das, was ich sowieso schon an Gewalt auffälligkeit aus meiner Kindheit mitbrachte.
00:43:02: Plus das, was ich jetzt Tag für Tag im Dienst zu verarbeiten hatte.
00:43:06: Aber auch wenn ich in den Konsum ging, dann gab es einfach mal frisch und fröhlich, zwanzig, dreißig Leute, die auf der Straße aufeinander einhackten wegen irgendwas.
00:43:16: Da war einer, einem anderen mit dem Einkaufswagen in den Hacken gefahren und das nahmen halt zum Anlass, um das Ventil ausströmen zu lassen.
00:43:26: Das waren eben auch die Neunziger, über die wir heute nicht mehr sprechen wollen, weil wir ja nur von der glücklichen Wiedervereinigungserzählung.
00:43:36: Also da wollen wir uns anhaften und das andere darf es nicht mehr geben, finde ich grundlegend
00:43:40: falsch.
00:43:41: Ist aber auch eine sehr kontroverse, ist nach wie vor eine Kontroverse, machen wir uns nichts vor.
00:43:45: Also letztendlich, wir wissen schon, glaube ich, sowohl im Osten als auch im Westen, dass das nicht so einfach war.
00:43:51: So, und jetzt kommen wir aber, kommen wir aber wichtigerweise, wenn wir dabei sind, kommen wir zurück zu dem Bockmist, den ich da mir zusammengezimmert habe.
00:44:02: Ich war halt der festen Überzeugung, sammere mir Vierer, ist in der Tat dazu berufen, klar, den Osten zu retten.
00:44:15: Also das war jetzt nicht möglich.
00:44:18: Also so viel Realitätsbezug hatte ich dann noch, okay, dann muss ich zumindest meine Staat retten.
00:44:25: Und da diese völlig überforderten, unfähigen Bürokraten in den Dienststellen, wo ich Dienstverbrechen hatte, so unglaublich langsam waren, es ist halt Behörde, das geht halt über die verschiedenen Etappen und dann kommt es auch wieder zurück zur Wiedervorlage und dann geht es wieder in die Kreisläufe.
00:44:46: während, als das hochmobile, hochintelligente Gegenüber der Arbeitsgegenstand, mit dem wir uns beschäftigen, das kriminelle milieu, also die Hochbegabten auf der falschen Seite, ständig sich neue Dinge einfallen lassen, sind wir ausschließlich mit uns selbst beschäftigt.
00:45:08: Und da fühlte ich mich natürlich berufen, der Highland zu sein.
00:45:12: Sondern in dieser Situation, wo ich alles weiß, alles kann und auf niemanden höre, habe ich mir gedacht, ja, dann mache ich eine private, private Polizei.
00:45:24: Also im Gewand eines Bewachungsgewerbes, einer privaten Sicherheitsfirma, mache ich halt dann das, was die halt nicht zustande kriegen.
00:45:33: gesagt getan und auch gesagt getan und auf den Bauch gelegt, weil das passierte umgehen.
00:45:38: Ich glaube, fachlich waren die Jungs, die ja alle aus dem Bereich Polizei und Armee kamen und ich schon sehr, sehr gut dabei, aber betriebswirtschaftlich waren wir vollidioten.
00:45:51: Und das war eine denkbar schlechte Kombination im Konkurrenz mit diesen großen Ammark, Kötter, DWSI, Power, die haben wahrscheinlich über unsere jämmerlichen Versuche Pippi in die Oase gemacht.
00:46:06: Das Ergebnis war, dass ich sehr schnell feststellen musste, an diesem schwierigen Sicherheitsmarkt werde ich mich kaum oder nur sehr schwierig behaupten können.
00:46:17: Und dann kam ein ehemaliger Mentor von mir und sagte, du, was?
00:46:22: Probleme?
00:46:24: Ist ja überhaupt kein wirkliches Problem.
00:46:26: Ich weiß, die und die und die Baustellen, da gehst du rein.
00:46:31: Da ist krummes Geld, da ist halbkrummes Geld oder da ist sehr, sehr leichtes, also zum Beispiel die Postbank, sehr, sehr leichtes Geld, weil die haben das Ding schon dreimal überfallen.
00:46:43: Die Postbank hat da nicht mal eine Kamera aufgehangen.
00:46:46: Da stellst du dich einfach... Da machst du es selber auch, fällt nicht auf.
00:46:48: Da stellst du dich hin und bittest freundlich, aber mit Nachdruck um Auszahlung und dann ist gut.
00:46:57: So, und... Dann habe ich wirklich in meinem Waren gedacht, ja, ich bin der Highland.
00:47:04: Und wenn der Highland Not hat, dann gegebenenfalls auch muss ein Haus niedergebrannt werden.
00:47:13: Und das war natürlich eine derart fatale und auch jetzt mit Abstand betrachtet brutale Illusion, weil du musst dir überlegen in dieser Prostbank.
00:47:27: Wir haben dann halt gewartet, bis die Prostbank schließt und die letzte Mitarbeiterin hinten rauskommt.
00:47:33: Ja, für die Mitarbeiterin war es ein Albtraum, den sie ... sollen sie sich noch einmal leben sein, bis heute mit sich rumträgt.
00:47:42: Und für die anderen Überfälle etc.
00:47:45: Bp.
00:47:46: Und deswegen ... das war ... das war eine Kiste, die ...
00:47:53: Ja.
00:47:55: Und die dich ins Gefängnis gebracht hat.
00:47:56: Und dann im Gefängnis ... In
00:47:58: der Tat.
00:47:59: hatte ich dann damals, ich weiß nicht, ob ich es richtig ausspreche, jetzt Brandwin Ock-Paco-Interviewed für ihren Abschlussfilm, genau, Dreckfress, das war der Dokumentation, über dein Leben, das wurde auch auf der Berlinale gezeigt.
00:48:11: Wie war das denn für dich?
00:48:12: Weil du hast ja diese Interviews gegeben, während du im Gefängnis gesessen hast.
00:48:15: Wie war das unter diesen Umständen, mit deinem Leben quasi konfrontiert zu werden?
00:48:20: Also, Brandwin Ock-Paco, großartige Filmwacherin mit der wahnsinnigen Idee, das vormalige sächsische Werbelpony in der Haft als Protagonisten ihrer Doku zu nehmen.
00:48:41: Das war schon eine irre Idee, weil ich hatte sehr, sehr einflussreiche, mächtige Freunde.
00:48:53: Und sie hat es aber irgendwie, ich weiß nicht genau, welche Knöpfe sie gedrückt hat, aber schlussendlich, weil Grundgesetzlich geschützte Pressefreiheit ist ein sehr, sehr hochrangig gehängtes Rechtsrot, was man nicht einfach so per se einschränken kann, auch wenn man sehr viel macht hat.
00:49:15: Und sie hat sich schlussendlich durchgesetzt, natürlich auch mit dem ZDF als Co-Finder-C im Rücken, dass sie mich in der Haft besuchen darf.
00:49:25: Und ich war noch mitten in diesem inneren, ich saß im Grunde genommen in den immer noch rauchenden Trümmern meiner emotionalen Ruine und war konfrontiert in regelmäßigen Sitzungen beim Anstaltpsychater.
00:49:50: mit dem, was da mit mir ist, also dass da irgendetwas grundlegend nicht richtig zusammengeschraubt wurde und den entsprechenden extremen schwerwiegenden Folgen.
00:50:04: und umgeben war ich von von Waldheim und Waldheim Waldheim diese diese Also diese Justizvollzugsverscheid, Waldheim, war damals noch nicht die Vorzeigeanstalt, die es heute ist, sondern Waldheim war mehr oder weniger der Originalzustand wie noch Karl May.
00:50:26: dort seine Haftstrafe verbüßt hat, also wegen Betrug da in der Haftweile.
00:50:30: Das war das original runtergerockte, uralte Gebäude.
00:50:34: Da hatten dann die Russen unten im Keller, da hatten die nach ihren Prozessen noch die Gefangenen versucht aufzuhängen, wo sie merken, die Decke ist ja niedrig, haben sie sich dann an die Füße gehängt, damit die auch stranguliert werden können.
00:50:46: Und dort haben wir dann ein Gottesdienste abgehalten.
00:50:48: In denselben Originalräumen, da war auch noch die Farbe original.
00:50:51: So und in diesem Waldheim, wo ich jeden Tag, jeden Tag nur Alarm, Alarm, Alarm.
00:50:59: Und wirklich also Gewalt, die man in einem Horrorfilm nicht zeigen würde.
00:51:06: Und in diese Situation hinein kam die Hochschwangere Brennwin mit einem so gigantischen Bauch wie ein Elefant und kam mit dieser Idee, lass uns mal reden.
00:51:19: Und das war also wirklich Suria.
00:51:22: Und ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, dass wir uns etliche Male getroffen haben und da, wenn wir aus dem Fenster guckten, also das Fenster war natürlich bereit und nicht so hübsch und nicht so groß, und dahinter sah man diese riesige Rolle Schacheldraht.
00:51:43: Und dann saßen wir vor diesem, das sieht man dann auch noch in ihrer Doku, vor diesem Stacheldraht-Fahrhauffenster und Sprachen über meinen Vater, meine Mutter.
00:51:58: Und deswegen, glaube ich, ist diese Doku auch so besonders geworden, weil eine besondere Frau eine verrückte Idee hatte, um das unter diesen sehr außergewöhnlichen Umständen von Waldheim, also diesen alten Waldheim, wie gesagt.
00:52:18: Was hättest du dir in den Rückblicken von den Institutionen?
00:52:21: aber
00:52:22: auch von deinem Umfeld gewünscht, bevor du in den Knast gegangen bist.
00:52:33: Ich weiß ja, du hast in einem Interview auch mal gesagt, dass du das überhaupt nicht als Rechtfertigung siehst.
00:52:38: Das, was in deiner Kindheit passiert ist, sagst du auch deiner Mutter, musst du nichts verzeihen aufgrund dessen, dass sie unter diesen widrigen Umständen euch großgezogen hat und so weiter.
00:52:49: Du hast auch ein sehr großes Vergeberherz.
00:52:54: und sagst ja auch, dass du so abgerutscht bist, weil das bist du, ja?
00:52:58: Das hat vielleicht damit zu tun gehabt, ist aber keine Rechtfertigung.
00:53:03: Aber dennoch gab es vielleicht Momente, wo du gesagt hast, im Nachhinein, ich hätte mir gewünscht, dass da vielleicht jemand mal da wäre, der die Arme geöffnet hat und für mich da gewesen
00:53:11: wäre.
00:53:12: Zu den Institutionen machen wir nochmal diesen Sprung in diesen, ich nenne es nochmal, Irakmoment in den frühen Mitte der Neunzigern rein.
00:53:24: In der Institution, in der ich tätig war, also Landeskriminalamt und Polizeidirektion Dresden, war es ja so, dass ich jeden Tag Dienst getan habe und auch rausgegangen bin in den öffentlichen Raum mit Kollegen, die zu Beginn des Dienstes nicht wussten, ob sie am Abend darauf oder am Morgen darauf wieder zurückkehren werden auf ihre heimische Couch.
00:53:54: Lebend.
00:53:55: Lebend.
00:53:56: Also wir hatten, also DDR war ja, DDR Volkspolizei war ja eine, eine faktisch Motschützenartig, Infanterieartig bewaffnete Einheit.
00:54:10: Also die hatten ja bis zum Schützenpanzer alles.
00:54:13: Und das war nach bundesdeutschen Maßstäben unmöglich.
00:54:16: Deswegen wurde, wurde alles aus dem Bestand genommen.
00:54:20: Die einzige Langenwaffe, die da war, war die Kalashnikov.
00:54:23: Ist aber eine Kriegswaffe.
00:54:25: Also wurde die auch weggenommen.
00:54:26: Alles, was wir hatten, war diese lächerliche kleine Makarov.
00:54:30: Da kann man auch ein Stein werfen.
00:54:32: Da ist man besser dran.
00:54:35: Und unser Gegenüber, die hatten aber Skorpion, diese kleine tschechische Maschinenpistole, die hatten die PM.
00:54:51: Die hatten die Kalashnikov in allen möglichen Varianten, die hatten sogar Kranatwerfer und und und.
00:54:56: Und gegen die fuhren wir raus, wie die Friseure.
00:55:01: Und in dieser Zeit zählte für meine Kollegen vor allem, dass sie in mir jemanden haben oder auch nicht haben, der trotz seiner Angst da bleibt, wenn es schwierig wird.
00:55:17: Und schwierig geworden ist es häufig.
00:55:20: Und als sie gesehen haben, dass, ja klar, habe ich auch die Hosenfreude gehabt, aber ich bin nicht weggerannt.
00:55:26: Und da war für sie das Thema Hautfarbe oder irgendwas, überhaupt keine Baustelle, sondern ganz im Gegenteil.
00:55:35: Ich habe also ganz, ganz viele Situationen von Kameradschaft, von Qualität erlebt, eine Situation bei einer Zeugenbefragung und nach einer ultra hässlichen Vergewaltigung.
00:55:48: haben wir im sogenannten ersten Angriff im Kriminaldauerdienst halt das Umfeld befragt, in der Hoffnung, dass sich da Zeugen finden, die vielleicht Sachtchen nicht Hinweise geben können auf den Täter.
00:56:00: Es gab einen Anfangsverdachten, wir wollten halt das Ganze in ein Stück weit untersetzen und dann kringelig an der Türe.
00:56:06: und dann machte ein Typ auf in einem ärmellosen Hemd, was ziemlich angeschmuttelt war.
00:56:15: Und mein Dienstgruppenführer war nach einer Etage unter mir, machte eine Befragung.
00:56:20: Und der Typ machte kaum, dass er die Tür aufgemacht hat, fing an zu pöbeln.
00:56:24: Was willst du?
00:56:25: Wer bist du?
00:56:26: Und einer wie du?
00:56:27: Was?
00:56:28: Es gibt es doch nicht.
00:56:29: Du stinkst mal so.
00:56:31: Und dann kam mein Dienstgruppenführer die Treppe hoch und hat ihn erst mal zusammengefaltet.
00:56:35: Und hat sich also in Vorbild hafterweise vor mich gestellt.
00:56:39: So wie man, wie ich gelernt habe, wie Führung sein sollte.
00:56:42: Nämlich Führung von vorn, Führung durch Vorbild.
00:56:46: Für seine Leute, für das Team.
00:56:48: Und da kann ich ja sagen, das ist das, wie ich Institution erlebt habe.
00:56:52: Und natürlich spreche ich von denen, wo ich auf einer Ebene war.
00:56:57: Weiter oben, das war ein anderes
00:56:58: Game.
00:56:59: Aber es lag nicht an den Ernst Institution, dass du abgeschmiert bist.
00:57:03: Das lag nicht an den Institutionen.
00:57:08: Noch mal, ich kann alles, ich weiß alles
00:57:11: und ich brauche die Überschätzung.
00:57:12: Hybris.
00:57:13: All right.
00:57:16: Du bist verheiratet.
00:57:17: Du hast drei Kinder, einen großen Sohn, sechs und dreißig, zwei Töchter, die sehr kleiner sind.
00:57:24: Wie vermittelst du ihnen denn das Gefühl, dass diese sicher und geborenen Gefühlen können, damit sie auch eventuelle Katastrophen vermeiden?
00:57:34: Love.
00:57:36: Ganz viel love.
00:57:38: Also siehe.
00:57:40: Sie wurden gestillt, sehr, sehr lange getragen und es gab obscure Situationen auf der Straße, wo ich meine Große, die Frieda, in der Krakse hinten drin hatte und wirklich Leute mich angehalten haben gesagt haben.
00:57:55: Aber dieses Kind hat doch zwei Beine.
00:57:57: Das sieht doch einfach aus wie ein großes Kind.
00:57:59: Aber sie wollte halt gerne getragen werden.
00:58:00: Sie waren schon so vier, vier, ne?
00:58:01: Ich fand das auch super.
00:58:07: Es gibt auch Tragesysteme für Max.
00:58:10: Du musst jetzt auch deinen Mann motiviert bekommen, dass er dich trägt.
00:58:20: Ja, und ich glaube, das ist die Basis, wenn ich zurückdenke, ich bin fünf, fünf Jahre alt, ich war fünf Jahre alt, als ich in der Besucherritze meiner Großeltern geschaffen habe und ich kann mich heute noch.
00:58:39: an den Geruch meines Großvaters.
00:58:41: Ich durfte nämlich zu meiner Großvorte mich rollen, weil ihre Haare waren ja heilig.
00:58:48: Sie hatte dann immer so locken Wickler drin, so dass die Frisur auch sitzt.
00:58:52: Und deswegen schief ich immer bei meinem Großvater.
00:58:54: Ich kann mich heute noch erinnern.
00:58:56: Es war wie so eine Risik.
00:58:57: Also er war ja sehr... groß, aber fast ein neunzig, wie so eine immer warme, riesige Wand, an der ich schliefe.
00:59:04: und der Geruch und seine Nähe, das prägt mich bis heute, deswegen mir war es total wichtig, genau darauf zu setzen, dass sie sehen und erleben und spüren jeden Tag, ich bin gewollt und ich bin gelebt.
00:59:22: Und ich glaube, das ist das wichtigste Momentum und wenn was so technisch stricken wollen.
00:59:28: Es zeigen auch alle Untersuchungen.
00:59:30: Das ist das wichtigste Momentum, wo Studien ganz klar sind.
00:59:35: Resilienz ergibt sich genau eben auch aus diesen frühkindlichen Prägemomenten, von ich erlebe, dorthin, wo ich Bindung entwickle, im sozialen Nahbereich erlebe ich genau das.
00:59:49: Und das habe ich versucht nachzustellen, so gut ich verkrüppelt, wie ich bin, das konnte.
00:59:54: Aber ich glaube, Gott sei Dank, das ist mir ganz
00:59:57: gut gelungen.
00:59:59: Wundervoll.
01:00:07: Wir kommen zu einer kleinen Kurzfrage-Runde.
01:00:10: Ja.
01:00:14: Kurze Frage, kurze Antwort.
01:00:16: Samuel, was machst du am liebsten, wenn du mal Zeit für dich hast?
01:00:22: Seiferserie gucken, Fantasy-Hörbücher hören, vorzugsweise mit Oliver Seebeck als Sprecher und mit meiner Überaus klugen.
01:00:34: sehr klugen und wohlgefohrten Frau Schmusen.
01:00:38: Okay.
01:00:40: Wie sieht ein typischer Sonntag in deiner Familie
01:00:42: aus?
01:00:45: Waffeln oder alternativ auch gefüllte Eierkuchen und ganz viel rumhängen und Zeiten ineinander verbringen.
01:00:55: Toll.
01:00:56: Wen würdest du noch gerne in deinem Leben treffen und warum?
01:01:11: Ich habe es schon mehrfach gesagt, ich wiederhole es an dieser Stelle, Barbara Schöneberger, weil sie... der wohlgeformteste Elefant ist, der in deutschen Fernsehen zu reden ist.
01:01:30: Und meine Frau weiß das auch.
01:01:34: Okay, über welches Thema?
01:01:38: Kurze Antworten, aber ja?
01:01:39: Gerne.
01:01:40: Gerne hätte ich Nels Mandela getroffen, aber leider ist es nicht möglich.
01:01:43: Okay, na gut, das wiegt es so ein bisschen auf.
01:01:50: Welches Thema?
01:01:52: Möchtest du noch unbedingt schreiben?
01:01:54: Und warum?
01:01:58: Eine schöne, fette Fantasy-Geschichte bin ich auch gerade dran, deren Inhalt ich hier nicht genannt werden darf.
01:02:09: Aha.
01:02:11: Okay.
01:02:12: Wenn du ein Tier wärst, welches wärst du dann?
01:02:16: Sei jetzt nicht Elefant.
01:02:18: Nein, jetzt
01:02:18: nicht so.
01:02:19: Nein,
01:02:19: nein, nein, jetzt nicht so.
01:02:21: Ja, Elefanten sind doch süß.
01:02:23: Ich wär ein Erdmännchen.
01:02:24: Oder ein Pinguin.
01:02:25: Nein, nicht Pinguin.
01:02:25: Ein Erdmännchen.
01:02:27: Das ist bei mir genauso und lange Zeit Erdmännchen und ich.
01:02:31: Wir waren so.
01:02:31: Die sind doch toll.
01:02:33: Aber unsere Liebe ist zerbrochen, weil ich habe den Zoo in Köln besucht und gesehen, wie ein Erdmännchen einen Küken gefressen hat und seitdem ist ...
01:02:45: ist die Liebe da.
01:02:46: Okay, was wärst du heute?
01:02:47: Ein Küken?
01:02:48: Nein.
01:02:49: Ich muss das mal, ich muss das mal das Erden bisschen Trauma verarbeiten.
01:02:51: Okay,
01:02:52: verstehe, gut.
01:02:54: Welche Geisteshaltung würdest du Menschen empfehlen, die es auch nicht leicht hatten im Leben, um das so ein Euphemismus für das, was hier passiert ist, aber ich sage es mal so, auch nicht leicht hatten oder haben
01:03:06: im Leben?
01:03:09: Hinfangen und das kommt von ganz alleine.
01:03:14: Hinfallen, zusammengründen, jaulen, wieder auffrappeln.
01:03:20: Notwendig falls auf allen Vieren, egal wie die Fortbewegungsart ist, Kröntchen richten, weitermachen.
01:03:27: Und dann das Ganze wieder von
01:03:29: vorn.
01:03:31: Welcher Nachspeise kannst du nicht widerstehen?
01:03:33: Außer Waffen und gefüllten Pfannkuchen vielleicht?
01:03:37: Für mich ist es Kaiserschmarrn und bei dir?
01:03:40: Brownies.
01:03:41: Brownies.
01:03:42: Wenn es drei Begriffe bräuchte, um deine Persönlichkeit zu beschreiben.
01:03:46: Welche wären
01:03:47: das dann?
01:03:52: Nörd, Nörd und nochmals Nörd.
01:03:56: Und resilient würde ich auch sagen, würde glaube ich auch noch sehr gut passen.
01:04:00: Auf was möchtest du nie wieder verzichten?
01:04:04: Auf das hier bin ich zu Hause gefühlt.
01:04:10: Und in welchem Element, Wasser oder Erde, Berge zum Beispiel oder Luft fühlst du dich am wohlsten?
01:04:19: Mein Element ist Nürnberger Lebkuchen mit Schokoladen überzog.
01:04:24: Okay.
01:04:25: Alright, das war die Kurzfrage-Runde.
01:04:27: Vielen Dank.
01:04:37: Du hast sieben Jahre im Gefängnis verbracht.
01:04:41: Du hast in dieser Zeit ja einen Weg gefunden in ein neues Leben.
01:04:46: Wie
01:04:48: sah denn dieser Weg aus?
01:04:53: Ganz, ganz, ganz viel Leugnung.
01:04:56: Ganz viel Wut.
01:05:06: Ich habe lange Zeit sehr, sehr dumm vor mich hin gebrabbelt mitten im Abgrund.
01:05:13: Ich hatte Zwangsgedanken.
01:05:15: Ich wollte mich umbringen.
01:05:24: Und dann in kleinen, kleinen Schritten mit viel Hilfe von außen.
01:05:32: Schritte nach vorm, Schritte zurück.
01:05:36: Und in der Summe hat es
01:05:39: gereicht.
01:05:39: Klapp.
01:05:40: Sehr knapp.
01:05:42: Heute bist du im Coach für Gefahren lang und du arbeitest ja mit gewalt auffälligen Jugendlichen zusammen.
01:05:48: Wie ist es dazu gekommen?
01:05:50: Und was gibt dir das?
01:05:52: Also was macht das mit dir?
01:05:57: Ich antworte mal mit einem starken Nerd-Aktzent.
01:06:03: Man kann den Mann von der Mauer nehmen, aber nicht die Mauer aus dem Mann.
01:06:07: Also alle die... GOT gesehen haben, also Game of Thrones, die wissen, wovon ich rede.
01:06:13: Also, es ist, wenn man einmal für sich selbst die Idee entwickelt hat, ich will bei den Guten sein, dann hat man die Seite gewählt.
01:06:26: Und diese Wahl kann man, glaube ich, auch nicht mehr zurücknehmen.
01:06:30: Auch wenn man zwischendurch zum Beispiel katastrophale Fehler gemacht hat, wie ich, auch wenn man zwischendurch ausgebrannt ist, um das Handtuch wirft.
01:06:37: Aber alle, die ich kenne, die einmal ernsthaft für sich diese Wahl getroffen haben, bleiben dieser dünnen blauen Linie verbunden.
01:06:45: Und ich konnte ja nicht zurück in den Dienst, nach und nach der Entlassung.
01:06:51: Ich habe dann als Trainer gearbeitet, weil das war das, wovon ich am meisten verstand, wie halte ich mich fit, auch wie halte ich mich fit mit hohen inneren und äußeren Widerständen.
01:07:05: Und dann rief eines Tages meine Freundin von mir an und gesagt, du bei mir ist eine Praktikantin und die ist verschwunden und du musst helfen, die zu suchen.
01:07:13: Du warst auch Polizist.
01:07:15: Und da ich der Freundin sehr viel schuldig war, weil die sehr loyal zu mir gestanden hat, durch sehr viel Scheiße dann durch, habe ich gesagt, okay, ich komme.
01:07:25: Es war einer mitten in der Nacht.
01:07:27: Und daraus wurde dann mein erster Jugendhilfefall.
01:07:30: Leider ist das Mädchen dann mit... gestorben.
01:07:37: Und das ist so ein bisschen ein Klassiker.
01:07:40: Menschen, die also kleine, verstümmelte, in Teilen aber auch hochbegabte Menschenaffen, die dann so auf Selbstzerstörung programmiert sind, dass man sie kaum aus diesen Kreisbewegungen heraus lösen kann.
01:07:57: Ich versuche das, indem ich mit meiner Geschichte komme, indem ich alt wie ich bin, vor ihnen auf den Berg klettere und dabei natürlich Schwitze wie Traibären auf der Flucht.
01:08:08: und aber ich trage extra unser ganzes Gepäck und ich gebe nicht auf, auch wenn ich schon im linken Knie dann ... hat Rohne.
01:08:16: ... krepfurtgroße Wassereinlagerung habe, egal, ich halte durch und das sieht der Jugendliche und das hat häufigerweise einen sehr hohen Pull-Effekt und dann reicht es.
01:08:31: Und manchmal reicht das nicht.
01:08:32: Ich hab auch mehrere Suizide in den letzten zwanzig Jahren miterleben müssen, so ist
01:08:36: das.
01:08:37: Welche Fragen stellen die Jugendlichen?
01:08:38: Und was gibst du denn für Antworten?
01:08:42: Die Jugendlichen stellen häufigerweise natürlich die Klassiker-Fragen.
01:08:49: Was?
01:08:50: Du hast im Knast?
01:08:51: Ja, ich war im Knast.
01:08:54: Echt?
01:08:54: Als Bulle?
01:08:55: Du hast im Knast?
01:08:56: Ja, ich war im Knast.
01:08:58: Hast du auch?
01:08:59: Hast du auch?
01:09:00: auf allen geschossen Wesen aus auf einen zu schießen.
01:09:03: Und dann sag ich, du, das Paradoxe ist, das gar nichts mit dem zu tun hat, was da in den Hip-Hop-Klassikern so hoch und runter besungen wird, sondern der, der getroffen wird, vorsicht, ich benutze jetzt erwachsenen Sprache, der, der getroffen wird, den die Kugel trifft, der ist gefickt, aber der, der abgedrückt hat, der ist genauso gefickt.
01:09:30: Das, was da an Gewalt passiert, das wird beide nie mehr loslassen.
01:09:34: Und du kannst tun und lassen, was du willst.
01:09:36: Ich kann nicht hinter dir herrennen.
01:09:37: Es kann kein Mensch bezahlen, dass ich hinter dir herlaufe und aufpasse, was du für Entscheidungen triffst.
01:09:44: Aber ich kann dir nur sagen, mich lässt das, was ich an Gewalt erfahren habe, also was andere mehr auf dem Kopf gehauen haben oder wo ich anderen auf dem Kopf gehauen habe, lässt mich nicht los.
01:09:55: Ich bin beim Duschen, beim Autofahren irgendwas.
01:09:58: Und dann bekomme ich diese wunderschönen, also unwelkommen natürlich, diese wunderschönen Polaroids eingeblendet mit zerstöckelten, zerschnetzelten, d-d-d-d.
01:10:06: Und das kannst du dir überlegen.
01:10:09: Du kannst links rumgehen und rechts rumgehen.
01:10:11: Das ist deine Entscheidung.
01:10:12: Was wünscht du dir dann, dass Menschen aus deiner Geschichte lernen und auch aus der Geschichte deines Landes oder deiner Heimat?
01:10:23: Also jetzt...
01:10:24: Eine große Frage.
01:10:25: Du kannst auch bei dir bleiben.
01:10:26: Was wünscht dir, dass Menschen aus deiner Geschichte lernen?
01:10:34: Ich denke nicht in diesen Dimensionen.
01:10:36: Also ich sehe mich nicht als Rollmodel.
01:10:39: Also du als ehemalige Moderatorin fit for fun.
01:10:43: Also ich habe dich überlebensgroß bewundert.
01:10:47: Sehr
01:10:48: hundert Jahre her.
01:10:49: Es ist hundert Jahre her, aber ich kenne viele, viele Leute.
01:10:52: Ich habe heute erst mit einem Freund ex-Falli gesprochen.
01:10:55: Wir arbeiten zusammen, der sofort wusste, Es war die Irre,
01:11:00: die von Albert
01:11:01: gestürzt
01:11:01: war.
01:11:01: Und
01:11:02: fährst du langsamer?
01:11:02: Ja,
01:11:03: die Superfitte, die vorwärts, rückwärts, salto, blablabla gemacht hat.
01:11:07: Ja, ja, ich weiß, wie du meinst.
01:11:09: Also, so jemand ist Rollmodel.
01:11:13: Ich sehe mich selbst nicht.
01:11:14: Ja, auch du.
01:11:14: Doch, doch.
01:11:15: Weil du hast, du bist gestürzt und du bist wirklich, du bist durch alle Lagen eines Gebäudes durchgekracht bis in den Keller.
01:11:21: Und du bist trotzdem... Mittlerweile Spiegelbeste, da hast du eine Familie, die funktioniert, ein gutes Leben zu deinen Kindern.
01:11:27: Ey, come on.
01:11:28: Also, der Sosa hat auch mal sagen, es ist schon, es ist auch wirklich beeindruckend, weil du sagst selbst, du hast das ja mitbekommen, wenn Leute auch Suizid begehen, weil sie nicht weiterkommen.
01:11:37: Und du hast es eben nicht
01:11:38: getan.
01:11:40: Also, wenn sie sich denn irgendwas von mir ableihen wollen, dann am ehesten das, Zukunft ist per se ungewiss.
01:11:56: Und faktisch, so gewiss, gibt es Hoffnung auf guten Ausgang.
01:11:59: Mhm.
01:12:00: Okay.
01:12:01: Gut.
01:12:01: Ich danke dir.
01:12:02: Wir kommen zu einem kleinen Assoziationsspiel.
01:12:10: Ich sage ein Wort.
01:12:11: Mhm.
01:12:12: Und diese Worte kennt Samuel auch nicht.
01:12:14: Ich sage ein Wort, und du antwortest mit einem Wort.
01:12:17: Ja, ich sag Grün, du sagst Gras oder Frosch, ich sag Rot, und du sagst Liebe oder sonst was.
01:12:21: Oh mein Gott.
01:12:23: Also ... Seid ihr bereit für Bullshit?
01:12:24: Seid
01:12:24: ihr?
01:12:24: Ich bin gespannt.
01:12:25: Jetzt
01:12:26: geht's los.
01:12:26: Also, zu Hause.
01:12:29: Heimat.
01:12:30: Heimat.
01:12:33: Heimat.
01:12:34: Heimat ist Heimat.
01:12:35: Ach
01:12:35: so,
01:12:35: das ist der zweite Begriff.
01:12:36: Ist der zweite Begriff.
01:12:41: Herzbaustelle.
01:12:42: Kamerun.
01:12:44: Fremd.
01:12:45: Vergangenheit.
01:12:48: Vergangen.
01:12:49: Familie.
01:12:51: Zentrum.
01:12:53: Zukunft.
01:12:55: Offen.
01:12:57: Gefängnis.
01:12:59: Schitthorn.
01:13:01: Kraft.
01:13:05: Regenerativ.
01:13:06: Freiheit.
01:13:15: Unsicher.
01:13:17: Aktiv?
01:13:21: Jetzt!
01:13:22: Nein!
01:13:22: Kohle!
01:13:25: Ach so!
01:13:26: Ja, natürlich!
01:13:27: Aktiv, Kohle!
01:13:28: Kohle, Kohle!
01:13:33: Aktiv, Kohle!
01:13:34: Oh, fuck!
01:13:36: Oh mein Gott.
01:13:38: Das ist so lustig, weil das ist nur nicht
01:13:39: beim Letzgast auch passiert.
01:13:41: Dann haben die Kudiavo, die war auch so
01:13:42: konzentriert,
01:13:43: sie so aktiv Sport und ich war sie, nein.
01:13:46: Das ist so sehr süß.
01:13:48: Ich danke dir.
01:13:48: Das
01:13:49: ist so ein Megafilm, bitte.
01:13:50: Das war das Assoziationsspiel.
01:13:52: Führt ihn hinaus.
01:13:53: Er hätte es besser gemacht.
01:13:55: Mist.
01:13:55: Also, ja, du.
01:13:57: Malig?
01:13:59: Okay, das war das Assoziationsspiel.
01:14:07: Sport?
01:14:08: Sport?
01:14:08: Nein.
01:14:10: Du hast deine Autobiografie geschrieben, ich ein Sachse.
01:14:12: Das hast du gemeinsam mit Lothar Kittstein geschrieben.
01:14:16: Ja.
01:14:16: Wie war diese Zusammenarbeit?
01:14:18: Und was hat das denn dir ausgelöst?
01:14:20: Dieses Buch zu schreiben, was ja ein Spiegel-Bestzeller ist.
01:14:24: Unglaublich beeindruckend ist.
01:14:26: Also da möchte ich eine ausdrückliche Warnung aussprechen.
01:14:30: Jeder, der auf die Schwachsinn CD kommen sollte, seine eigene Geschichte schreiben zu wollen.
01:14:35: So
01:14:35: wie ich meinst du?
01:14:36: Ich habe es nämlich selbst geschrieben.
01:14:37: Ja, dann kann ich nur sagen, prüfit euch gründlich und besser noch Lastes.
01:14:46: Nehmt euch einen guten Ghost, weil es ist eine absurdintensive Reise in die Innenwelt.
01:14:55: Und da sollte man gut beieinander sein, weil es ist heftiger als alle Therapien und Autotherapien und Seelsorge, die ich jemals in meinem Leben gemacht habe.
01:15:04: Das kann ich hier unterschreiben.
01:15:06: Das ist so.
01:15:08: Lothar Kittstein, großartiger Theaterautor und Dramatiker und er war mein Tensing-Norger.
01:15:20: Also ich habe da gesessen und Buchstabensalat produziert und Lothar ist gekommen oder hat gesucht oder wir haben uns auf eine Suppe niedergehockt.
01:15:37: Ich liebe Suppen.
01:15:38: Und er hat gesagt so, sagen wir, wo sind wir denn jetzt?
01:15:42: Und das, das können wir nehmen, aber das, das geht weg von unserem Hauptstrang.
01:15:48: und also er hat mich wirklich Schritt um Schritt durch diesen Wahnsinn buxiert.
01:15:53: Er ist ein promovierter Historiker.
01:15:56: Wir hatten allein fünftausend Blatt aus sächsischen Archiven.
01:16:02: Wir hatten vierzehn Kisten, nachdem meine Mutter verstorben war, aus dem Nachlass meiner Mutter und er hat diese Wahnsinnsaufgabe übernommen.
01:16:10: Und deswegen, Gott sei es gedankt, ein promovierter Historiker hat sich diesen Bullshit angetan, sich dahin durchzuwühlen.
01:16:18: Das hat er großartig gemacht.
01:16:19: Also ohne Lothar gäbe es dieses Buch nicht.
01:16:22: Jeder, der meine Schreibe kennt, weiß, Wenn er das Buch aufmacht, also der Verlag hat ganz schlimm geklagt, das ist doch keine Biografie, das ist Hip-Hop.
01:16:31: Okay, also das ist meine Schreibe, aber ohne Lothar Kittstein wird es dieses Buch nicht geben.
01:16:36: Aber es hat funktioniert, muss man wirklich sagen.
01:16:38: Und ihr habt ja auch schon mal zusammen was erfasst.
01:16:40: Kuduz,
01:16:40: zwei tausend Kuduz, wird das ausgesprungen?
01:16:42: Zwei tausend Elf?
01:16:44: Ich
01:16:44: widerspreche dir so ungern, aber Kundus, daran war Lothar Kittstein gar nicht beteiligt zu haben.
01:16:50: Warum steht
01:16:50: das?
01:16:50: Wunderbare Marc Lindemann.
01:16:52: Ja, weil und Gott sei es gedankt, bist du eben auch menschlich.
01:16:58: Ich glaub, man kann das nicht.
01:16:59: Ja, man glaubt das nicht.
01:17:01: Ist ja wirklich, ihr habt überall nachgelesen.
01:17:03: Also okay, gut.
01:17:05: Vielleicht auch in irgendeinem Block halt falsch zugeordnet.
01:17:10: Genau, mit Marc Lindemann, der hat auch zum Beispiel geschrieben, darf töten Alarmzahlen.
01:17:15: Sehr, sehr viel diskutiertes Buch über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr.
01:17:20: Da war er dreimal drüben.
01:17:22: für den Feld-Nachrichtendienst, dann später mit dem Marines und als Journalist unter und unter.
01:17:29: Der hat wirklich Insight gegeben und von der Kritik hoch gelobtes Buch.
01:17:35: Wir haben faktisch nichts davon verkauft, weil die Öffentlichkeit möchte nicht anhaften an diese Wunde.
01:17:46: Die Krimi-Reihe, unsere Feinde ist ein Jahr später herausgekommen.
01:17:51: Da beschäftigst du dich auch mit Intrigen auf Staatsebene.
01:17:54: Was fasziniert dich an solchen Geschichten?
01:17:58: Hinter die Popwand des alltäglichen Gucken.
01:18:02: Und die Freiheit nehme ich mir dann natürlich in den Fiktionen und in den Konjunktiven und mir gelingt das dann, was im Kunden genommen mir im Alltag natürlich nur bedingt, bis überhaupt nicht gelingt, weil wirklich hinter die Paparen gucken.
01:18:19: Da sitzt sich, glaube ich, an der falschen Stelle des Prismas.
01:18:22: Aber das Schreiben gibt dir etwas.
01:18:25: Was gibt dir dann das Schreiben,
01:18:26: wenn das... Das Schreiben erlaubt mir großartige Kopfkino-Reisen, die ich dann versuche, mit den Leserinnen und Lesern
01:18:34: zu teilen.
01:18:36: All right.
01:18:37: Dann dürfen wir uns dann auf der nächsten Buch freuen.
01:18:39: Und wird das autobiografisch oder fiktiv sein?
01:18:41: Das wird fiktiv sein, wie sagt diese hochgeheime Fantasy-Geschichte.
01:18:47: Ach, die kommt als nächstes.
01:18:48: Genau, die kommt als nächstes.
01:18:50: Also ich werde einen zweiten Teil von Ich an Sachse machen.
01:18:56: Das weiß ich, das kommt dann nach der Fantasy-Geschichte.
01:18:59: Titel gibt es auch schon, nämlich der Titel, der damals nicht sein durfte.
01:19:02: Eigentlich sollte das Buch herheißen, durch das Raue zu den Sternen.
01:19:07: Und da hat mein erster Lektor gesagt, das ist esoterisch, das machen wir so nicht.
01:19:13: Das Buch heißt Räuber und Schandan.
01:19:15: Da habe ich dann gesagt, dann sind wir getrennte Menschen.
01:19:19: Und dieses Buch wird heißen durch das Raue zu den Sternen oder wie ich den Niedergang meiner eigenen Welt überlebte.
01:19:30: Und das wird eine Mischung aus aus all das, was in diesem anderen Buch nicht sein konnte und durfte, weil wir hatten ja noch vierhundert Seiten, aber tausendswochende Seiten mal nur Skript.
01:19:43: Und da kommt ja auch ganz viel.
01:19:45: Mein Gott, Krieg und Fried.
01:19:47: Krieg und Fried, das hört ja faktisch auf nach der Haft.
01:19:50: Und seitdem sind über zwanzig Jahre vergangen.
01:19:53: Das ist viel, viel, viel passiert.
01:19:55: Kanzleramt und Begleitschutz für den Kanzlerkandidaten, blah, blah, blah, da ist viel, viel, viel, viel, viel passiert.
01:20:02: Und Ratgeberbuch, weil ich habe versucht, so das, was mir geholfen hat, in so einfache Formeln zu pressen, dass selbst ein trisierter Affe sich damit selbst retten könnte.
01:20:18: Und so wird halt diese Mischung aus Bio und Guide.
01:20:23: Ok.
01:20:24: Apropos Rat, was würdest du in jedem von uns als Rat gerne mitgeben, damit das Selbstverständnis innerhalb unserer multikulturellen Gesellschaft sich besser oder weiter entwickelt?
01:20:40: Also wenn das das Wort zum Sonntag ist, dann...
01:20:43: Ja, ist es.
01:20:45: Dann ist mein Wort zum Sonntag.
01:20:46: Es gibt nur wenige Dinge, die man mit Liebe und Nürnberger Lebkuchen nicht heilen
01:20:51: kann.
01:20:53: Super, wunderbar.
01:20:55: Natalie Kudjavor, die Geschäftsführerin und Produzentin der Ufer, die ja auch Sammein Sachsen nun in Kooperation mit Pantatamen produziert hat.
01:21:05: Sie war mein letzter Gast und sie hat noch eine Frage nämlich an dich.
01:21:07: Was hättest du dir gewünscht, anders zu machen als junger Mann?
01:21:11: Beziehungsweise was würdest du Deinem Jungen ich als Rat
01:21:16: geben.
01:21:17: Oder hättest du gerne gegeben, so
01:21:19: rum?
01:21:21: Long story short, ich würde zurückreißen und sagen, chill mal Alter, alles
01:21:27: wird gut.
01:21:30: Mein nächster Gast ist Leila Pirdayesh.
01:21:34: Sie war die
01:21:34: erste deutsch- iranische Modedesignerin von Lala Berlin.
01:21:38: Hast du eine Frage an sie?
01:21:43: Ich habe eine Bitte an sie.
01:21:46: Wenn die Welt untergeht, Dann bitte gut angezogen, mach
01:21:50: was.
01:21:51: Das kann sie, das kann sie gut.
01:21:53: Was soll ich sagen?
01:21:55: Ich
01:21:55: danke dir für dieses Gespräch.
01:21:57: Samuel, wir fühlen uns in der Haare.
01:21:58: Ah, nee, wow.
01:22:05: Das ist natürlich auch wieder ein Glückwassidegarage, dass wir heute hier sein Dorf den ganzen Dank an C.U.Ransy haben uns her und sichtbar gemacht.
01:22:17: Ich danke natürlich Mats Norgert auch und Karl Fultz Standards für die Ausstattung.
01:22:21: Und ich danke meinem wunderbaren Team.
01:22:25: Ohne euch.
01:22:26: würde das Ganze hier in dieser Form nicht schaffen.
01:22:28: Und ich danke natürlich auch euch allen, die heute hier waren.
01:22:32: Vielen, vielen Dank.
01:22:33: Bis zum nächsten Mal bei Aktiv Kohle.
01:22:35: Dankeschön.